das muss mal 'gesagt' werden

ich liebe es, wenn etwas zur Selbstverständlichkeit wird.

wenn Worte nicht mehr gesagt werden müssen.

wenn 'danke' und 'bitte' nicht mehr von Bedeutung sind, weil Augen und Lächeln mehr ausdrücken als Worte.

wenn Gedanken schon vor Gesagtem den Weg zum Andern finden und verstanden werden.

das ist für mich ein Schritt zur Vollkommenheit!

luft

die luft ist so schwer und heiß.

sie droht einen zu ersticken.

langsam kriecht sie durch die nase, in den mund, durch den rachen. schlängelt sich weiter durch die luftröhre um beide lugenflügel zu füllen.

so schwer und so träge.

und so verzwickt ist ihr weg durch die oberen atemwege. sie muss eine ganze strasse von entzündungen passieren. das bisschen sauerstoff, welches tatsächlich die lunge erreicht, reicht meistens nicht aus.

oder der schleim, das entzündete fleisch, dick und aufgequollen lässt den weg zusammenfallen. nicht passierbar. versperrt. nur ein minimaler teil der luft findet einen weg, durch ein noch minimaleres loch. zwängt sich durch, sucht einen ausweg.

ich erschrecke durch das pfeifende geräusch meiner lunge. meiner atemwege. ich wache nachts auf und höre mich selbst aus dem letzten loch atmen.

asthma und eine entzündung der atemwege verträgt sich wirklich nicht gut. plötzlich begreift man, wie schön normales durchatmen sein kann. wie befreiend.

weitergelebt wird trotzdem. wozu gibt es denn sonst antibiotika, salbutanol und gelo myrtol?  

die fruchtblase

es klingelt.

"die fruchtblase ist geplatzt", schreit sie und sitzt auf ihrem nassen stuhl.

"okay, scheiße" schreit sie zurück und denkt, 'jetzt bloß nichts falsch machen' und rennt weg.

reißt die nachbarstür auf und stürzt ins zimmer. sagt ihr, dass drüben die fruchtblase geplatzt ist. ihr gegenüber reißt die augen auf und folgt ihr zurück ins andere zimmer.

adrenalin in maßen, passieren jede einzelne vene.

die andere fragt was los sei- "immer noch die fruchtblase". "achsoooo", sagt sie. "na dann mal ab ins bett zurück" meint sie auf einmal total relaxt.

sie, mit der geplatzen fruchtblase, weiß gar nicht, was sie machen soll. einfach wieder ins bett? und das wasser fließt und fließt. hört gar nicht mehr auf.

endlich liegt sie im bett. "keine panik", meint sie aus dem nebenzimmer. (haha, super rat) "wir holen erst einmal die hebamme".

die andern zwei gucken sich an. verstehen nicht, wie sie so ruhig sein kann. ein neues leben kündigt sich mit erschrenkender schnelligkeit an.

auf dem flur nimmt sie die andere zur seite und sagt, "ich dachte, es wäre was ernstes. ich dachte dass ein herz aufgehört hat zu schlagen, oder sowas". die andere ist fassunglos. total aus dem häusschen. der schweiß steht ihr immer noch auf der stirn. das herz klopft. nunja. das war die erste platzende fruchtblase in ihrem leben.

also demnächst, keine panik schieben, denkt sie. scheint nicht weiter schlimm, oder was?

nun gut. im nachhinein, dauert so ne geburt über mehrere stunden. meistens. nicht immer.

und trotzdem: WAHNSINN!

wundervoll

nur bei dir, bin ich so wie ich bin.

nur bei dir, bin ich vollkommen.

nur bei dir, kann ich lachen und weinen.

nur bei dir, scheint die welt wertvoll.

nur bei dir, ist alles so, wie es sein soll.

nur bei dir, fühle ich mich verstanden.

nur bei dir, kann ich schreien.

nur bei dir, vermischt sich das jetzt mit der ewigkeit.

ich danke dir für diese tage.

danke.

über das leben hinaus?

Der 28. Dezember 2001 war ein schlimmer Tag für sie. Ein Tag, den sie ihr ganzes Leben lang nie vergessen wird. Der Tag, an dem ihr Vater durch einen Schlaganfall zusammenbrach und starb.

Ihr Vater. Der Mann, dem sie ihr Leben verdankte, der sie erzog und ernährte. Er war mit einem kurzen kräftigen Schlag nicht mehr da. Er war nicht nur nicht mehr da, er würde nie wiederkommen.

Eigentlich wollte sie damals schon was sagen. Damals, einen Tag nach dem Tod ihres Vaters. Als sein Lebenslauf von allen Verwandten zusammen getragen wurde, um ihn beim Gedenkgottesdienst laut vorlesen zu lassen. "Ein liebevoller Ehemann und Vater".

Damals wollte sie schon Einspurch erheben. Doch die Trauer, der plötzliche Schock, die vollkommen vollendeten Tatsachen des Verlustes liesen sie inne halten. Sie sagte nichts. Resignierte und trauerte.

Drei Monate später, zerbricht sie fast an den inneren Schreien. Diese Schreie, die immer dann in ihrem Kopf zu hören sind, wenn jemand ihren Vater rühmt. Wenn er in der absolutesten, fehlerfreiesten Vollkommenheit gepriesen wird. In denen Momenten möchte sie nur schreien und die Wahrheit hinaus posaunen, damit alle sie hören und beschämt den Mund halten. Die Wahrheit darüber, dass ihr Vater ein Säufer war. Dass sie abends nicht schlafen konnte, aus Angst er würde schwankend und schreiend in ihr Zimmer kommen und sie schlagen. Dass er ihre Mutter mehrere Male betrogen hatte und sie im Laufe der Zeit immer kleiner wurde. Er machte sie kaputt, drückte sie mit dem Daumen und Zeigefinger zusammen, sodass sie nur noch ein Schatten ihrer Selbst war.

Ihr wundervoller Vater. Von den Nachbarn und ihrer eigenen dresierten Mutter, nach seinem Tod, als perfekt und liebevoll dargestellt. Sie kann diese Lügen nicht mehr hören. Sie kann nicht mit ansehen, wie sich ihre Mutter immer mehr, tiefer in ihre eigenen Lügen verkriecht. Auch jetzt noch, aus Angst vor ihm, den Verwandten, den Nachbarn. Und das Schlimmste ist, dass JEDER die Wahrheit kennt. Jeder Mensch hier in diesem Dorf. Alle Verwandten. Wirklich jeder, der ihn auch nur ansatzweise kannte.

Werden die Toten von ihren Sünden befreit?

Zumindestin den Erinnerungen?

Keiner traut sich die Wahheit zu sagen. Aus Respekt? Vielleicht ist das so. Vielleicht soll das so sein.

Auch sie wird nichts sagen. Nur schreiben.

der unzuverlässige Erzähler

Ich kann meine Stimmen nicht mehr hören und weiß daher nicht so recht weiter. Irgendwie hege ich den Verdacht, dass sie diese Geschichte viel besser erzählen könnten als ich. Wenigstens hätten sie ihre eigenen Ansichten und Vorschläge zu der Frage, was am Anfang und was am Ende und was dazwischenstehen könnte. Sie würden sagen, wo ich Details einarbeiten oder überflüssige Informationen aussparen sollte, was unverzichtbar und was trivial für sie ist. Nach so langer Zeit fällt es mir nicht eben leicht, mich an diese Dinge zu erinnern, und ich könnte wahrhaftig ihre Hilfe gebrauchen. Es ist so viel passiert, dass es wirklich schwer für mich ist, immer genau zu wissen, was wohin gehört. Manchmal bin ich mir auch nicht sicher, ob die Dinge, an die ich mich deutlich erinnern kann, tatsächlich stattgefunden haben. Eine Erinnerung, die eben noch in Stein gemeißelt war, erscheint mir im nächsten Moment so nebulös wie die Dunstschleier über einem Fluss.......

Anstellte des Raunens meiner Stimmen bekomme ich nun Medikamente, die sie zum Schweigen bringen. Einmal am Tag nehme ich brav ein psychotropes Mittel, eine ovale, eierschalenblaue Pille, von der ich einen derart trockenen Mund bekomme, dass ich wie ein keuchender alter Mann nach zu vielen Zigaretten klinge oder wie ein halb verdursterter Deserteur der Fremdenlegion, der gerade die Sahara durchquert hat und um einen Schluck Wasser fleht. Darauf folgt unverzüglich ein scheußlich bitter schmeckender Stimmungsheber, der die gelegentlichen niederträchtigen, selbstmöderischen Depressionen bekämpft, in die ich, wie mir meine Sozialarbeiterin ständig predigt, jederzeit verfallen kann, egal, wie ich mich gerade fühle. In Wahrheit könnte ich, glaube ich, in ihr Büro marschieren und vor lauter überschwänglicher Freude über den positiven Verlauf meines Lebens die Hacken zusammenschlagen, und sie würde mich trotzdem fragen, ob ich meine tägliche Dosis genommen habe. Von dieser herzlosen Pille bin ich verstopft und von Wassereinlagerungen so aufgedunsen, als hätte sie mir die Blutdruckmanschette nicht um den linken Arm, sondern um den Brustkorb gelegt und sie dann fest aufgepumpt. Folglich brauche ich ein Diuretikum und ein Abführmittel, um diese Symptome zu bekämpfen. Natürlich bekomme ich vom Diuretikum rasende Migräne, als ob mir ein besonders fieser, grausamer Sadist mit dem Hammer an den Schädel schlüge, ergo gibt es codeinhaltige Schmerztabletten gegen diese kleine Nebenwirkung, während ich wegen der anderen Pille ständig zu Toilette renne. Und alle zwei Wochen bekomme ich ein starkes Antipsychotikum mit einer kurzen Spritze injiziert. Zu diesem Zweck muss ich vor der Schwester im städtischen Krankenhaus die Hosen runterlassen, wofür sie mich mit stets haargenau demselben Lächeln und der haargenau im selben Ton gestellten Frage belohnt, wie es mir denn heute ginge, worauf ich "ganz gut" antworte, egal, ob es stimmt oder nicht, weil ich trotz der verschiedenen Nebelschleier des Wahnsinns durchaus kapiere, dass es ihr so was von egal ist, wie es mir geht, und dass sie es lediglich als ihre Pflicht erachtet, mir eine Rückmeldung zu endlocken. Das Problem ist nur, dass dieses Antipsychotikum mich zwar, wie sie mir zumindest weismachen wollen, an boshaftem, abscheulichen Verhalten hindert, aber mir auch eine kleine Schüttellähmung in den Händen beschert, so dass sie zittern, als wäre ich irgend so ein nervöser Steuersünder, der dem Buchprüfer des Finanzamts gegenübersitzt. Außerdem zucken mir davon die Mundwinkel ein wenig, so dass ich ein Muskelrelaxanz benötige, damit mein Gesicht nicht zu einer ewigen Kinderschreck-Maske erstarrt. Dieser ganze Cocktail also brodelt mir wohl oder übel durch die Adern, und wärend er mit seinem beruhigenden Einfluss zu den verantwortungslosen Impulsen eilt, die wie eine aufsässige Teenie-Bande in meinem Hirn herumtollt, greift er unterwegs auch eine Reihe Organe an, die keine Ahnung haben, was das Ganze soll. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Phantasie einem unberechenbaren Dominostein gleicht, der plötzlich aus dem Gleichgewicht kommt, erst hin und her schwankt und dann gegen all die anderen Kräfte in meinem Körper kippt, so dass er eine groß angelegte Kettenreaktion auslöst, bei der die Steine in meinem Inneren willkürlich, klick klick klick alle übereinander purzeln.

Die Blätter fallen, fallen wie weit,

als welckten in den Himmeln ferne Gärten;

Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand fällt.

Und sieh dir andere an; es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Rainer Maria Rilke